Vor einigen Jahren besuchte ich mit meiner Mutter das Schloss Neuschwanstein im Allgäu. Bei der Führung durch die Räume des Schlosses drückte meine Mutter ihr Staunen angesichts der Pracht immer wieder durch entsprechende Laute aus. Ich gebe zu, dass mir das ein wenig unangenehm war.
Heute freue ich mich, dass sie noch immer echt staunen kann.
Schon Johann Wolfgang von Goethe sagte: Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen.
Was hat Sie in letzter Zeit staunen lassen? Die perfekten winzigen Gliedmaßen eines Babys? Der Anblick des Meeres oder der Berge? Die Schönheit frostumrandeter Efeublätter?
Staunen hebt mich über mich selbst hinaus. Ich begegne etwas, das größer ist als ich selbst. Für mich ist das Gott, dessen Spuren ich z.B. in seiner Schöpfung entdecken darf. Der Moment Staunens enthebt mich für kurze Zeit der Hektik des Alltags und setzt ein Gegengewicht zu oberflächlicher Zerstreuung. Die Wissenschaft hat sogar positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit festgestellt. Staunendes Innehalten macht uns mitfühlender und rücksichtsvoller gegenüber unseren Mitmenschen und unserer Umwelt.
Wer wach und aufmerksam, neugierig und offen durch das Leben geht, nimmt die Einmaligkeit jedes Augenblicks wahr und entdeckt die kleinen und größeren Wunder. Anlässe zum Staunen gibt es in Hülle und Fülle. Allein die sprießende Natur jetzt im Frühling ist ein Wunder! Bereits in Psalm 139 heißt es in Vers 14 in Anbetracht des Wunders des Lebens: Staunenswert sind deine Werke.
Sicher ist es kein Zufall, dass das große christliche Fest des Lebens, Ostern, die Feier der Auferstehung Christi, genau in das Frühjahr fällt. Die aufblühende Natur macht nach dem langen Winter das Wunder der Auferstehung ganz anschaulich. Sie zeigt, dass immer wieder das Leben siegt. Mit seiner Auferstehung hat Christus dem Tod die Macht genommen und uns die Hoffnung auf ein Leben in Fülle geschenkt. Ist das nicht der größte Grund zum Staunen?
Frohe Ostern!
Sr. Silvia-Johanna

